Warum die Wohnungsfrage politisch ist

„Das Thema Wohnen ist endlich ganz oben angekommen, dort, wo es nicht um praktische Fragen geht, sondern um die Weichenstellung“, betont Michael Fehr, Geschäftsführer von Immobilien Winter in Heidelberg. Ausgerechnet von dem Chef des größten deutschen Wohnungskonzerns kommt der Hinweis, dass Mieterhöhungen politisch seien, weil mehr als die Hälfte der Deutschen zur Miete wohnen. Er will die Mieter seines Unternehmens künftig so behandeln, als ob sie jederzeit gehen könnten. Diese Aussage ist beachtlich. Wenn Mieter tatsächlich die Wahl hätten, ob sie mieten oder kaufen, wäre ihre Position auf dem angespannten Wohnungsmarkt viel besser. Wohnen im Eigentum ist aber noch längst nicht selbstverständlich. Deutschland hat die zweitniedrigste Wohneigentumsquote in Europa. In keinem anderen Land, außer der Schweiz, wohnen so wenige Bürger in ihren eigenen vier Wänden wie in Deutschland. Das macht deutsche Mieter abhängig vom Vermietungsmarkt.

Die Hauptursache für den angespannten Wohnungsmarkt sind fehlende Wohnungen. Der Bau von Wohnungen ist daher die vielversprechendste Lösung. Noch effektiver wäre diese Lösung aber, wenn Mieter sich aus der Abhängigkeit durch den Kauf einer Wohnung befreien könnten. „Die Bedingungen dafür zu verbessern, ist tatsächlich eine politische Aufgabe und nicht Sache des Marktes“, ergänzt Michael Fehr.

Die Politik beschäftigt sich derzeit aber schon wieder mit einer Nachbesserung der Mietpreisbremse, obwohl die erst Ende 2018 novelliert wurde. Stattdessen könnte sie den Mietern eine stärkere Position verschaffen, zum Beispiel durch den erleichterten Erwerb von Wohneigentum. Dazu müssten vor allem die Kaufhürden – wie hohe Kaufnebenkosten und hohe Grunderwerbsteuern – gesenkt werden. Diese Aussage wird noch unterstrichen durch den Accentro-IW Wohnkostenreport 2019: Danach ist der Kauf einer Wohnung derzeit günstiger als die Neuanmietung.