Japanisierung: Nullzinspolitik ohne Ende?

„Noch zu Beginn des Jahres rechneten Analysten mit steigenden Zinsen ab Herbst 2019. Doch schon in der Jahresmitte rutschten die Zinsen in ein tiefes Sommerloch“, erklärt Michael Fehr, Geschäftsführer von Immobilien Winter in Heidelberg.

Die Niedrigzinspolitik begleitet uns jetzt seit rund zwölf Jahren. Die Kredithöhe bei Immobilienfinanzierungen ist historisch hoch, die monatlich zu zahlenden Raten sind so niedrig wie nie. „Das ist zwar weiterhin gut für Käufer, die ihre Immobilien günstig finanzieren wollen, wirft aber die Frage auf, wie sich das langfristig auswirkt“, gibt Michael Fehr zu bedenken. Dafür fehlen weltweit die Erfahrungen.

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat noch einmal alle Register gezogen. Er wird als erster Präsident der EZB derjenige sein, der in seiner Amtsperiode keine einzige Zinserhöhung vorgenommen hat. Die EZB hat den Einlagezins auf ein Rekordtief gesenkt und nimmt die Anleihekäufe wieder auf. 

Der Blick nach Japan offenbart Erhellendes. Dort ist das größte geldpolitische Experiment aller Zeiten zu beobachten: Vor knapp 30 Jahren platzten im Land der aufgehenden Sonne die Blasen am japanischen Aktien- und Immobilienmarkt. Anschließend setzte eine bis dahin beispiellose Niedrigzinspolitik ein, die bis heute anhält. Die Immobilienpreise fielen um bis zu 60 Prozent, sie haben ihr altes Niveau bis heute nicht wieder erreicht. Seit Anfang 2016 gibt es in Japan Strafzinsen. Die Bank von Japan will mit Wertpapierkäufen die Konjunktur ankurbeln und die Inflationsrate auf zwei Prozent treiben – genau wie die EZB in Europa. Auf die erhofften Resultate dieser Politik wartet man in Japan schon seit Langem.

In absehbarer Zukunft wird auch im Euro-Raum nicht mit Zinserhöhungen gerechnet. Anleger werden weiter nach gewinnbringenden Anlagen suchen, vorzugsweise am Immobilienmarkt, was die Preise vermutlich weiter steigen lässt.